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Sunskin System

Pionierleistung

2026-06-23 5 min

Der neue Wohnturm der Mühle Grüsch beweist, dass moderne Solartechnik ein kreatives Gestaltungsmittel sein kann. Doch die Solarfassade war eine baurechtliche Knacknuss: Für eine Photovoltaikanlage an dem 33 Meter hohen Bau fehlte die Brandschutzzulassung. Statt das Projekt zu begraben, erfanden die Beteiligten eine ausgeklügelte Sonderlösung.

Lange war Solartechnik für Schweizer Architektinnen und Architekten ein rotes Tuch. Sie fürchteten homogene, flache Gebäudehüllen ohne architektonischen Reiz. Doch mittlerweile hat ein Umdenkprozess eingesetzt: In seinem letzten Jahr als Professor an der ETH Zürich liess Miroslav Šik seine Studierenden Wohnhäuser mit Solarfassaden entwerfen – trotz anfänglicher Skepsis. Das Experiment war eine Sensation, gilt Šik doch als Vordenker der traditionsbewussten «Analogen Architektur», einer Architekturströmung deren Gebäude sich durch vertraute Bauformen harmonisch in ihre historische Umgebung einfügen sollen. Die angehenden Architektinnen und Architekten gestalteten Solaranlagen, die wie keramische Fassaden, Eternitplatten, Schindeln oder Glashäute aussahen. Sie zeigten, dass Solartechnik in ein klassisches Architekturvokabular integrierbar ist, und überzeugten damit auch ihren Professor.

Das war 2017. Seither beweisen einheimische Architekturbüros immer öfter, dass Solartechnik ein kreatives Gestaltungsmittel sein kann: Ritter Schumacher, Chur, setzten bei der Umgestaltung der einstigen Mühle im Ortszentrum der Bündner Gemeinde Grüsch auf eine 30 Meter hohe Solarfassade – aus ökologischen, aber eben auch aus ästhetischen Gründen.

Vom «Lost Place» zum Vorzeigeprojekt

Die Geschichte der Mühle gegenüber dem Bahnhof reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im Laufe der Zeit wurde sie mehrfach umgebaut und vergrössert. 1939 entstanden ein grosses Hauptgebäude und ein mächtiger Siloturm. Doch nach der Einstellung des Betriebs im Jahr 2010 wurde die weithin sichtbare Anlage zum Sorgenkind: Zwar fanden gelegentlich Kulturanlässe in den leerstehenden Bauten statt, doch eine neue Nutzung konnte nicht gefunden werden. Aus dem Industriedenkmal wurde ein «Lost Place». Die Wende kam, als die Immobilienfirma Gutgrün das Areal kaufte. Das Unternehmen aus Chur plant, baut und betreibt umweltfreundliche Wohnhäuser und wollte mit der Umnutzung der Mühle zur Wohnanlage ein Zeichen setzen.

Das vierstöckige Mühlengebäude eignete sich gut für den Umbau zum Wohnhaus, und die Architekten richteten dort 15 Loftwohnungen ein. Aussergewöhnlich stimmungsvoll sind die Räume, weil Ritter Schumacher dabei die Spuren der Vergangenheit erhielten: Graffiti aus der Zeit des Leerstands blieben ebenso sichtbar wie die teils rauen Wandoberflächen. Der Siloturm hingegen liess sich schwerlich in ein Wohnhaus verwandeln: Die historische Konstruktion hätte die zusätzliche Gewichtsbelastung nicht tragen können, und die engen, fensterlosen Speicherkammern waren als Wohnräume ungeeignet. Ein Umbau wäre wirtschaftlich wie ökologisch unvernünftig gewesen. Also wich der Turm einem Ersatzneubau mit 37 Wohnungen.

Dabei achteten Architekten und Bauherrschaft streng auf die Nachhaltigkeit: Statt den Siloturm einfach zu zerstören und seine Überreste auf einer Deponie zu entsorgen, wurde das Abbruchmaterial der Umwelt zuliebe sortenrein getrennt und wiederverwendet. Die Firma Gribag zerkleinerte den Altbeton in ihrem nahen Werk in Untervaz und mischte ihn danach als Zuschlagstoff dem Beton für den Neubau bei. Dessen Betonbauteile bestehen so zu 75, teils sogar zu 95 Prozent aus Abbruchmaterial des Vorgängerbaus. Diese Beton-Rezeptur entspricht nicht den Normvorgaben des Schweizer Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) und wurde von Kieswerk, Baumeister, Zementhersteller und Statiker als Sonderlösung entwickelt. Dank dieser Pioniertat stellte die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), die Bauprojekte auf ihre Umweltfreundlichkeit überprüft, für den Rückbau ein Zertifikat aus – das ist bisher schweizweit einmalig.

Brandschutz jenseits der Norm

Die DGNB zertifizierte auch den Neubau, für dessen Betrieb ausschliesslich erneuerbare Energieträger zum Einsatz kommen. Den nötigen Strom liefern 518 Solarmodule, die über alle Gebäudeseiten und das Dach verteilt sind. Dies mag zunächst irritieren, schliesslich werden Photovoltaik-Elemente bevorzugt nach Süden, Osten und Westen ausgerichtet. Die allseitige Anordnung sichert jedoch eine gleichmässige Energieausbeute im Tagesverlauf. Die Anlage kann rund 85'000 Kilowattstunden Strom im Jahr produzieren – 85 Prozent davon werden selbst genutzt, der Überschuss wird ins öffentliche Netz eingespeist.

Baurechtlich war die Solarfassade eine Herausforderung: Solarmodule werden von den Behörden und Gebäudeversicherungen wegen der verbauten Kunststoffe, Folien und Kabel als brennbar eingestuft – obwohl ihre Hauptbestandteile Glas und Silizium nicht brennen. In Grüsch kam erschwerend hinzu, dass die Mühle zwischen dem Taschinasbach und den Bahngleisen eingekeilt ist: Die Feuerwehr kann nur über eine schmale Zufahrtsstrasse anrücken, was den Einsatz grosser Löschfahrzeuge einschränkt. Um trotzdem eine Genehmigung für die Fassade zu erhalten, arbeiteten Brandschutzexperten, Architekten, Bauherrschaft und Swisspearl als Hersteller eng zusammen. Anders als im Bauwesen üblich, trugen die Planenden Verantwortung und Risiken gemeinsam.

Zum Einsatz kamen Sunskin Facade Flat Module, also geprüfte Standardprodukte. Sie wurden zu unterschiedlich breiten vertikalen Streifen angeordnet. Diese Lösung ist clever: Weil die Photovoltaikfläche jeweils vom Boden bis zum Dach durchläuft und nirgends durch Fenster unterbrochen wird, kann sich ein Feuer nicht von Stockwerk zu Stockwerk nach oben fressen. Bei einem Brand innerhalb des Wohnhochhauses gelangt das Feuer nicht von innen an die Solarfassade. Die dicken Betonmauern wirken als Brandwände. Umgekehrt können die Flammen von den Solarmodulen nicht auf das Gebäudeinnere übergreifen. Die Sicherheit dieser Sonderkonstruktion wurde rechnerisch und durch Brandschutz-Versuche nachgewiesen.

Brückenschlag

Auch gestalterisch sind die Solar-Streifen reizvoll: Sie verleihen dem Turm einen starken Ausdruck und machen ihn zum neuen Wahrzeichen von Grüsch. Ausserdem verleihen sie ihm eine technoide Anmutung. Das Spiel aus Recyclingbeton und Solarpaneelen wird zum Brückenschlag zwischen der industriellen Vergangenheit als Produktionsstätte und der Gegenwart als Wohnanlage. Der Wohnturm beweist erneut, dass anspruchsvolle Architektur und grüne Energieproduktion vereinbar sind. Womöglich bringt Solartechnik als neues Gestaltungselement die Fassadengestaltung sogar wieder mehr in den Fokus.

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